Anweisung von Clinton an die Armee
USA beenden Störung von
Satelliten-Signalen
Navigationssystem GPS ermöglicht
nun auch zivilen Nutzern Ortung bis auf zehn Meter
Von Jeanne Rubner
München – Der amerikanische Präsident Bill Clinton hat die
Streitkräfte angewiesen, die Satellitensignale für zivile Anwendungen nicht mehr
absichtlich zu stören. Seit der Nacht von Montag 1.Mai 2000 auf Dienstag
den 2.Mai 2000 können
Bootsfahrer, Autolenker oder Bergsteiger, die das Navigationssystem GPS (Global
Positioning System) benutzen, ihre Lage auf zehn Meter genau bestimmen. Bislang
hatten die Militärs befürchtet, dass mögliche Feinde GPS für die Steuerung ihrer
Raketen nutzen könnten. Nun ist es möglich, das System regional zu blockieren.
Diese Möglichkeit behält sich die US-Armee weiterhin für Krisenfälle vor.
Das Navigationssystem, das von den US-Militärs seit 1978 aufgebaut und
erweitert wurde, besteht aus 24 Satelliten, die ständig zur Erde funken. Aus der
Laufzeitdifferenz der Signale mehrerer Trabanten berechnet ein Empfänger seine
genaue Lage auf der Erdoberfläche. Anfangs sendeten GPS-Satelliten nur für das
Militär. Nachdem sich jedoch 1983 ein südkoreanisches Flugzeug auf sowjetisches
Gebiet verirrt hatte und abgeschossen wurde, beschloss die US-Regierung, eine
weitere GPS-Frequenz für zivile Zwecke bereitzustellen. Doch während die
Streitkräfte ihre Objekte auf mindestens zehn Meter genau orten konnten, mussten
sich Fluglinien, Sportler und Autofahrer mit einer absichtlich verschlechterten
Auflösung von 100 Metern zufrieden geben. Zurzeit nutzen weltweit etwa vier
Millionen Zivilisten GPS, das gelegentlich auch als das beste Geschenk der
Militärs bezeichnet wird; monatlich kommen 250 000 Benutzer hinzu.
Clintons Anweisung dürfte vor allem auf wirtschaftliche Überlegungen
zurückgehen. Der Markt für GPS-Anwendungen soll sich in den nächsten drei Jahren
auf einen Umsatz von 16 Milliarden Dollar verdoppeln, heißt es in einem Papier
des Weißen Hauses. Tatsächlich sind der Fantasie bei den Anwendungen kaum
Grenzen gesetzt. Abgesehen von den schon klassischen Beispielen wie dem
effektiven Einsatz von Lkw-Flotten oder der Routenplanung im Privat-Auto will
zum Beispiel ein Winzer in Frankreich für das Ausbringen seiner Setzlinge die
Pentagon-Satelliten nutzen. Klimaforscher wollen aus den an Wolken gestreuten
Signalen Wasserdampfgehalt und Temperatur der Atmosphäre ablesen. Britische
Verkehrsfachleute denken darüber nach, ob sich mit GPS Raser zur Räson bringen
ließen – indem man via Satellit das Tempo der Fahrzeuge drosselt.
Das Geschäft mit den Satelliten-Signalen hat auch die Europäer hellhörig
gemacht. Im Bundesverkehrsministerium etwa rechnet man mit Wachstumsraten von
knapp 20 Prozent. So sollen in gut zehn Jahren etwa 93 Prozent aller Neuwagen
mit satellitengesteuerten Navigationssystemen ausgestattet sein. Nachdem die USA
vergangenes Jahr deutlich gemacht hatten, dass Europa bei GPS nur als
Juniorpartner einsteigen könne, beschlossen die Regierungschefs der EU-Staaten,
mit Galileo ein eigenes – allerdings GPS-kompatibles – Ortungssystem
aufzubauen. Das bis zu drei Milliarden Euro teure Vorhaben, das 2008 fertig sein
könnte, soll zu einem großen Teil von der Industrie finanziert werden.